Die frühe Trennung nach Leistung verhindert echte Inklusion in der Schule

Abgerufen am 28.12.2021, 14:30 Uhr, Quelle: Inklusion in der Schule: Warum sich Deutschland damit so schwertut – WELT

Die UN-Behindertenrechtskonvention verpflichtet Deutschland, ein inklusives Bildungssystem zu schaffen. Einige Bundesländer setzen dies aber nicht ausreichend um und halten an Förderschulen fest. Experten sehen zwei Wege, um die Nachteile dieses Parallelsystems zu überwinden.

Inklusive Bildung ist ein Menschenrecht – das besagt die UN-Behindertenrechtskonvention, die 2009 in Deutschland ratifiziert wurde. Das Ziel: Schüler mit und ohne Behinderung sollen zusammen lernen, und das Förderschulsystem soll nach und nach abgebaut werden.

Doch während Kinder mit Behinderungen in anderen Staaten wie Kanada oder den skandinavischen Ländern bereits lange erfolgreich im inklusiven Regelschulsystem unterrichtet werden, tun sich Schulen hierzulande mit der inklusiven Beschulung auch zwölf Jahre später oft noch schwer.

Laut einer Studie des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung sei die schulische Inklusion in Bremen, Hamburg und Schleswig-Holstein weit vorangekommen. In Baden-Württemberg, Bayern und Rheinland-Pfalz dagegen finde die Umsetzung der Konvention kaum statt.

Regelschulen sind oft schlechter ausgestattet

„Das große strukturelle Problem in Deutschland ist, dass weiterführende Schulen früh nach Leistung trennen. Inklusion orientiert sich gerade nicht an Leistungsdifferenzierung. Die zumeist leistungsschwachen Förderschüler hier zu integrieren, fällt Deutschland sehr schwer“, sagt Mitstudienautor Marcel Helbig.

Fast alle Bundesländer haben ein sogenanntes Elternwahlrecht eingeführt, bei dem Eltern entscheiden können, ob ihre Kinder auf eine inklusive Schwerpunktschule oder eine Förderschule gehen sollen. Häufig allerdings mangelt es an wohnortnahen allgemeinbildenden Schulen, die auch Schüler mit Behinderungen besuchen können. Zudem sind Letztere oftmals schlechter ausgestattet. „Dieses Parallelsystem zwingt Eltern quasi dazu, ihr Kind auf eine Förderschule zu geben“, so Helbig.

Kerstin Merz-Atalik, Professorin an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg mit dem Schwerpunkt „Pädagogik bei Behinderung und Benachteiligung/Inklusion“, glaubt, dass die Umsetzung inklusiver Bildung in Deutschland häufig an der Bereitschaft für eine Veränderung des Bildungssystems scheitert.

„Die internationale Forschung zeigt, dass Schülerinnen und Schüler mit Lernbeeinträchtigung im Vergleich zur Beschulung an Sonderschulen, häufig einen größeren Leistungszuwachs in inklusiven Settings haben“, sagt Merz-Atalik. Das liege vor allem daran, dass Kinder auch von ihren Mitschülern lernen. „Wenn wir sogenannte ,Lernschwache‘ in Klassen beschulen, in denen alle Mitschüler ebenfalls Lernschwierigkeiten haben, wirkt sich das negativ auf das Leistungsniveau der Klasse aus. So sind auch unter den erfolgreichen Bildungssystemen immer Länder, wie Finnland, die ein inklusives Gemeinschaftsschulsystem aufweisen“, betont Merz-Atalik.

Abgänger verfolgt das Stigma „Förderschule“

Daneben verlassen mehr als 70 Prozent der Schüler die Förderschule ohne einen berufsqualifizierenden Abschluss. „Selbst wenn Schüler den Abschluss schaffen, haben sie mit dem Stigma ,Förderschule‘ oft keine guten Chancen auf dem Arbeitsmarkt“, sagt Helbig.

Darüber hinaus würde die schulische Aufteilung die Teilhabechancen von Menschen mit Behinderung in unserer Gesellschaft auf lange Sicht einschränken. „Wenn zukünftige Arbeitgeber, Kollegen oder Partner auf keine Erfahrungen zurückblicken können, wird das die Vorstellung davon, jemanden mit einer Beeinträchtigung zu beschäftigen, als Kollegin zu haben oder gar eine Beziehung einzugehen, negativ beeinflussen“, betont Merz-Atalik: „Dadurch verhindert ein ,nicht‘-inklusives Bildungssystem auch die Entwicklung hin zu einer inklusiveren Gesellschaft.“

Das bestätigt auch Lisa Reimann, Dozentin für inklusive und vorurteilssensible Pädagogik. Sie selbst lernte von der ersten Klasse bis zum Abitur mit Mitschülern mit und ohne Behinderung.

„Es gab Kinder, die plötzlich laut schrien, im Rollstuhl saßen oder den Lichtschalter ständig an- und ausgeschaltet haben. Wenn man aber von Anfang an in einem solchen Umfeld lernt, steht nicht die Behinderung im Vordergrund, sondern die Tatsache, dass jeder Mensch unterschiedliche Bedürfnisse hat“, sagt Reimann. Genau das sei der Sinn einer Inklusionsklasse: „der Umgang mit Vielfalt und das Erlernen von Rücksichtnahme und Akzeptanz“.

Förderschulen könnten zu inklusiven Schulen werden

Um dies umzusetzen, müsse sich der gesamte Schulalltag in Deutschland verändern. „Es muss die Möglichkeit geben, sich mit Massagebällen zu beruhigen oder mal in die Bibliothek zu gehen, wenn es einem im Klassenraum zu laut wird. Zudem kann es auch an inklusiven Schulen in Ausnahmesituationen temporäre Lerngruppen geben“, so Reimann.

Gelingen könnte dies, indem Förderschulen in inklusive Schulen umgewandelt werden, da dort die benötigte Ausstattung und die Unterrichtsmaterialen bereits vorhanden sind.

„Inklusionsbefürworter fordern nicht den Verbleib von Kindern mit besonderen Bedürfnissen in einem ,Regel‘system, sondern den Ausbau des allgemeinbildenden Schulsystems für die inklusive Bildung“, sagt Merz-Atalik. Dazu gehöre zum Beispiel der Aufbau interdisziplinärer Teams an den Schulen, bestehend aus Sozialarbeitern, Lehrer- und Schülerassistenten sowie für die Inklusion qualifizierten Regel- und Sonderpädagogen. „International ist dies vielerorts schon selbstverständlich“, sagt Merz-Atalik.

Lehrer sind unzureichend ausgebildet

Problematisch ist, dass sich Lehrkräfte häufig nicht ausreichend auf den inklusiven Unterricht vorbereitet fühlen. Eine Forsa-Umfrage im Auftrag des Verbands Bildung und Erziehung (VBE) unter mehr als 2000 Lehrkräften an allgemeinbildenden Schulen aus dem Jahr 2020 zeigt: Mehr als die Hälfte aller Lehrer halten Inklusion zwar für sinnvoll, kritisieren aber auch, dass sie sich zu wenig vorbereiten könnten und die Klassen für eine erfolgreiche Umsetzung der Inklusion zu groß seien.

Diese Struktur stehe dafür, dass das entsprechende Lehramt nur darauf vorbereite, die jeweils spezifische Schülergruppe zu unterrichten. „International unterscheiden die meisten Länder nur noch in Schulstufen (Primarstufen- oder Sekundarstufenlehrer) und qualifizieren alle Lehrkräfte für die inklusive Bildung. So wurde auch in Österreich der grundständige Lehramtsstudiengang Sonderpädagogik eingestellt“, sagt Merz-Atalik.

„Zudem fördern diese in vielen Bundesländern noch bestehenden ,schultypenspezifischen Lehramtsstudiengänge‘ eine Berufswahlmotivation seitens der Studierenden, die der Entwicklung eines inklusiven Bildungssystems konträr entgegensteht.“

Quelle: Inklusion in der Schule: Warum sich Deutschland damit so schwertut – WELT

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